Geistesblitze bis zur ersten Zeile: Hausarbeiten-Schreiben läuft doch immer gleich ab

Am Anfang klingt alles spannend, am Ende will man einfach nur fertig werden. Hausarbeiten sind die Leiden des jungen Studis und auch die des erfahrenen Akademikers. Weil man immer zu spät anfängt, weil man in den Zitierregeln nie diesen einen exotischen Sonderfall findet und weil SemesterFERIEN halt schon schöner sind als Bibliotheksarbeit. Der Schreibprozess in vier Phasen.

Es ist schön draußen. Die Sonne scheint und der Himmel strahlt in verführerischem Blau. Vielleicht der letzte Sommertag. Die Cafés sind voll mit Menschen, die sich ausgelassen über irgendwas unterhalten und an Eiscreme schlecken. Kinder lachen und Vögel zwitschern um die Wette. Wobei das alles etwas dumpf herüber klingt. Denn wie so mancher Student in den Semesterferien sitze ich in einer Bibliothek vor meinem Laptop.

Ich starre den Bildschirm an und einzelnen Textblöcke starren zurück. Wieder eine Hausarbeit, die in den Semesterferien geschrieben werden will. Wieder ein Berg an Literatur, durch den man sich durchgraben soll. Und wieder läuft alles im Grunde genau wie bei den ganzen anderen Arbeiten ab, die ich im Laufe meiner Studienzeit geschrieben habe.

Phase 1: Das mach ich dann später

Da gibt es Phase 1, in der man sich mit der Literaturrecherche und Themenfindung beschäftigt. Locker und entspannt wird in der vorgegebenen Literatur geschmökert, hier und da mal ein paar interessante Textzeilen und Zitate rauskopiert, für ein noch diffuses und vollkommen weit entferntes Später. Rückblickend bekommt das Seminar eine positive Note und man denkt: „Das ist ja wirklich spannend. Den Text hätte ich auch echt mal während des Seminars lesen können.“ Dabei kann man auch gut im Café sitzen und einen schaumigen Cappuccino trinken, ein bisschen Caféatmosphäre kann ja nicht schaden. Besonderes Highlight in Phase 1: Literatur xy ist als Online-Ressource verfügbar, warum auch dieses nette Café verlassen?

Phase 2: Was war nochmal das Thema?

Doch in Phase 1 kann man leider nicht ewig verweilen, dunkel kehrt die Erinnerung an eine Abgabefrist zurück. Während anfangs noch der Blick auf die bunt zusammengestellten 30 Seiten Material beruhigt hat, dämmert einem so langsam, dass man trotz dieser beeindruckenden Seitenzahl noch nicht einen druckreifen Satz geschrieben hat – das ist der Beginn von Phase 2. Das besagte „Später“ ist erstaunlich nah an einen herangerückt, hockt nun auf der Cafébank neben einem und fragt mit hochgezogener Augenbraue, ob man sicher sei, das Thema so zu formulieren. Man muss sich ehrlich eingestehen, dass es wirklich höchste Zeit ist, mit dem Schreiben anzufangen. Und, dass die duftende Caféatmosphäre zwar kuschelig ist, aber auch nicht wirklich die Konzentration fördert. Man muss mit Frustration feststellen, dass Wikipedia einem nochmal hervorragend Theorie xy erläutert hat, man davon aber leider nichts zitieren kann. Mühselig bastelt man sich eine Gliederung zusammen, entwirft einen vorläufigen Titel, schreibt die ersten Sätze zusammen. Und sehnt sich heimlich an den Semesteranfang zurück.

Phase 3: Schreib! Schreib! An einem Sonntag? Schreib!

Routine mag wie der Inbegriff der Langeweile klingen – in Phase 3 führt jedoch kein Weg an ihr vorbei. Überall lauern Verlockungen und sogar Staubsaugen und der Essay aus dem letzten Semester erscheinen attraktiver als die Hausarbeit. Also plant man einzelne Kapitel und setzt sich einen zeitlichen Rahmen dafür. Man denkt: Wenn ich das unter der Woche erledige, habe ich am Wochenende frei – was natürlich nie funktioniert. Man ruft sich innerlich selbst motivierende Worte zu, während man im Rhythmus einer Dampflok Zeile für Zeile auf der Tastatur einhämmert. Zwischendurch hält man an und wird kurz sentimental. Dann fragt man sich, ob man aus dieser Dampflok nicht lieber aussteigen will und warum studieren eigentlich so wichtig sein soll. Dann taucht „Später“ wieder auf und fragt einen, was man denn sonst machen will. „Ok“, zischt man grimmig, „weiter geht´s.“

Phase 4: Hauptsache fertig werden

Wenn man dann grob den Inhalt erstellt und die vorgegebenen Seitenzahlen gefüllt hat, ist man in Phase 4 angekommen. In Phase 4 muss man feststellen, dass man in Phase 3 zwar genug geschrieben hat, die eigene Rechtschreibung aber an die eines Zweitklässlers erinnert und sowas wie Stil schwer erkennbar ist. Mühselig arbeitet man sich wie ein Bergsteiger durch einen steinigen Müllhaufen. Besondere Tiefpunkte: Keine Literaturangabe zu gelungenem Textstück oder wenn aus unerfindlichen Gründen die „1“ nicht vom Deckblatt verschwinden will. Kurz vor Abgabefrist dann ein erstaunliches Gefühl von Leichtigkeit – Man hat nun wirklich jegliches Interesse am Thema der Arbeit verloren und arbeitet nur noch zielstrebig auf ein goldenes Ziel am Horizont hin: fertig werden.

Vermutlich ist das nicht Sinn und Zweck einer Hausarbeit. Doch am Ende jeder Arbeit überwiegt doch die Pragmatik – Weil es strenge Vorgaben für die Erstellung von Hausarbeiten gibt, die der kreativen Freiheit im Umgang mit Themen Grenzen setzen. Das ist ernüchternd, aber so sind die universitären Vorgaben. Ob sich daran jemals etwas ändern wird? Man weiß es nicht.

Draußen zwitschern die Vögel und die Sonne wirft ein paar Strahlen durchs Fenster herein. Ich bin mit meiner Hausarbeit am Ende von Phase 4 angekommen und auch am Ende mit jeglichem Interesse am Thema. Aber das ist ganz normal, so läuft es ja bei jeder Arbeit.

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