Eine Zirkusgeschichte

Die Agentur Filmgesichter hat mich für ihr Projekt „Humans of Filmgesichter“ nach einer persönlichen Geschichte gefragt, also habe ich ihnen meine Zirkusgeschichte erzählt. Eine Erinnerung:

Als ich sechs Jahre alt war, bin ich mit meiner Familie auf ein großes Fest zum Weltkindertag in Berlin gegangen und habe dort zwei junge Artistinnen entdeckt. Sie haben Figuren vorgemacht und den Kindern Übungen gezeigt. Man konnte Handstände ausprobieren und auf ihren Füßen „fliegen“. Ich war sofort begeistert. Das wollte ich unbedingt ausprobieren. Ich ging hin und übte viele Handstände, eine Brücke, schließlich einen Vorwärtsbogen: aus dem Handstand in die Brücke und dann mit dem Schwung direkt aufstehen. Das war nicht leicht, ich fiel immer wieder um, aber probierte es weiter. Nach einer Weile meinte meine Mutter, dass sie sich mit meinem Bruder noch den Rest des Festes anschauen möchte, aber mich interessierte nichts anderes mehr. Also ließ mich bei den Artistinnen weiterüben. Als sie später wieder vorbeikam, um mich abzuholen, klappte der Vorwärtsbogen langsam. Zum Abschied fragten mich die beiden Artistinnen, ob ich Mitglied in ihrem Zirkus in Berlin werden will.

Von da an trainierte ich mindestens zwei Mal pro Woche und war an den Wochenenden bei den Aufführungen dabei. Zu Hause fühlte ich mich damals oft einsam. Nun war ich Teil einer Mädelsgruppe, den „Schlangenmädchen“, die mich sehr herzlich aufnahmen und schnell Freundinnen wurden. Zweimal im Jahr sind wir verreist, mit der ganzen Zirkusmannschaft von rund 150 Leuten. Die Reise nach Karlsruhe zu einem Zirkusfestival gefiel mir besonders gut. Dahin kamen Artisten aus vielen verschiedenen Ländern angereist, mit denen wir dann zusammen trainiert haben. Ich konnte damals zwar noch nicht so gut Englisch sprechen, aber für Artistik brauchte man nicht viele Worte, man versteht Figuren und Schritte ja durch das Vor- und Nachmachen.

Insgesamt blieb ich elf Jahre im Zirkus, in denen ich viele schöne und lustige Erfahrungen mit meiner Gruppe gesammelt habe. Wir hopsten gemeinsam über den Karneval der Kulturen oder die Grüne Woche in Berlin. Klatschten uns vor der Aufführung heimlich Glitzer in die Haare, bis wir wie Christbaumkugeln leuchteten – was dann auf der Bühne natürlich doch auffiel.

Mit 17 Jahren spürte ich, dass es Zeit war, weiterzuziehen. Ich wollte noch andere Sachen ausprobieren, Studieren und die Filmwelt besser kennenlernen, was mich dann später auch zu den Filmgesichtern führte. Aber meine Zirkuszeit werde ich nicht vergessen. Hier habe ich nicht nur den Vorwärtsbogen gelernt, sondern auch, mich kreativ auszudrücken, was weibliche Solidarität bedeutet und für ein gemeinsames Projekt einzustehen. Dafür bin ich sehr dankbar.

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