Ja-nein-vielleicht: Hamburg

Ein bisschen wie Berlin, nur noch weniger Sonne und Möwen statt Tauben – das war meine Vorstellung von Hamburg, bevor ich dort hinzog. 30 Tage hat es gedauert, dann stellte ich fest: hier lässt es sich leben. Auszüge aus meinem imaginären Tagebuch.

Tag 1  #hallohamburg!

Mürrische Menschen, gnadenlos überfüllte Nahverkehrsmittel und Regen – nach zwei Stunden Zugfahrt bin ich in Hamburg angekommen und zunächst ernüchtert. Bin ich tatsächlich nicht mehr in Berlin? Am Hauptbahnhof fliegen allerdings Möwen durch die Luft und keine Tauben. Das erste, was ich mache, ist die HVV-App runterladen und neben der BVG-App auf dem Handy platzieren. Dann den Weg zu meiner Wohnung raussuchen. Dann feststellen, dass ich an der Station „Berliner Tor“ umsteigen muss und kurz Heimweh bekommen.

Tag 2  #hallobüro!

Die HVV-App schlägt mir vor, am U-Bahnhof Jungfernstieg auszusteigen, wenn ich ein bisschen laufen will zum Büro. Will ich. Wenn man Alster-Boat-Trips machen möchte, sollte man hier laut U-Bahnansage auch aussteigen. Will ich aber nicht. Muss schließlich ins Büro und bin genauso busy wie all die hektischen Businessleute, die am U-Bahnhof Jungfernstieg in Anzügen herumwuseln. Der U-Bahnhof ist ziemlich unübersichtlich und verwinkelt. Ich bin schon zweimal falsch zur S-Bahn abgebogen, finde dann aber doch den Ausgang. Oben angekommen entdecke ich einen Mann, der zwischen den hektischen Businessleuten auf dem Boden kniet und einen Hund aus Sand geformt hat, den er mit einem Messer modelliert. Er widmet sich seinem Sandhund mit vollster Konzentration – ein merkwürdiger Kontrast zu hektischen Treiben am U-Bahnhof.

Tag 5  #imfalschenfilm?

Bin jetzt schon zum fünften Mal am U-Bahnhof Jungfernstieg ausgestiegen und egal, ob ich um acht oder zehn Uhr morgens aussteige, der Mann mit dem Sandhund ist immer da und der Sandhund immer fast fertig. Erinnert irgendwie an diesen Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ …

Tag 6+7+8  #touristyle

Am Wochenende gebe ich mir das volle Touriprogramm. Ich schaue mir die Speicherstadt, die Elbphilharmonie und den Michel (St. Michaelis Kirche) an. Hamburgs Zentrum hat viel zu bieten! All die Backsteingebäude der Speicherstadt lassen erahnen, wie hier bereits im späten 19. Jahrhundert Waren angeschifft und abtransportiert wurden. Teilweise sind noch die alten Lastenaufzüge an den Gebäuden erhalten. Vor der Elbphilharmonie, die schimmernd am Hafen prankt, haben sich lange Schlangen von Touristen gebildet. Viele Fotos werden geknipst, die vermutlich alle nicht wiedergeben, wie schön dieses Gebäude von weitem aussieht. Für den besseren Überblick und Fotos, auf die man sich und die gesamte Elbphilharmonie draufbekommt, muss man ins Miniaturwunderland gehen. Dort kann man eine Miniversion der Philharmonie bestaunen und mindestens eine Woche verbringen.

Tag 12  #menscheninhamburg

Habe mich die letzten Tage unter das Hamburger Volk gemischt und wertvolle Gesprächsfetzen aufgeschnappt. „Outcome“ ist zum Beispiel ein sehr beliebtes Wort. „Kosten und Nutzen“ kommt auch häufiger in Gesprächen vor und scheint also auch wichtig zu sein. Das ist verständlich, denn bei den Mietpreisen in Hamburgs Innenstadt, muss man sich schließlich schon Gedanken ums Geld machen. Hamburg sieht schick aus und so auch der Großteil der Leute im Zentrum. Frauen in weißen Sneakers und mit perfektem Contouring Make-up laufen mir ständig über den Weg. Aber ein Trend ist noch auffälliger: Männer mit Cappy und einer eckigen Brille mit schwarzem Rand. Eine Mischung aus coolem Hip-Hop-Typ und Nerd, die zu sagen scheint: Ich habe zwar meine rebellischen Momente, aber trotzdem fleißig mein Studium durchgezogen und sitze jetzt in irgendeinem Startup um mich um Kosten-Nutzen-Kalkulationen zu kümmern. Hm.

Tag 18  #reeperbahn

Es ist 16 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Gestern war ich auf der Reeperbahn – selbstverständlich nur aus Recherchezwecken. Die Recherche hat ergeben: Feiern gehen kann man sehr gut in Hamburg und der Alkohol ist auch nicht teurer als in Berlin. Vor allem wenn dauernd jemand ne Runde ausgibt, gehen die Preise echt klar. Die Reeperbahn hätte ich mir irgendwie verruchter vorgestellt. Tatsächlich macht sie eher den Eindruck, als ob man hier mit mehreren Abiturjahrgängen auf Malle, Calella oder sonst einem beliebten Ausflugsziel für Abschussfahrten geraten ist. Es gibt viele Stände, an denen man sich volllaufen lassen kann, Grüppchen von testosterongeladenen jungen Männern rufen sich ausgelassen irgendwelche Sprüche zu und sehnen sich insgeheim danach, ordentlich angerempelt zu werden, damit einer von ihnen eine kleine Schlägerei anfangen kann. Das perfekte Etablissement für stilvolle Junggesellinnenabschiede. Macht aber trotzdem Spaß.

Tag 20  #unsexy

Es gibt einen Schienenersatzverkehr auf der Linie U2 und so muss ich mich gezwungenermaßen mit dem HVV und seinem U- und S-Bahnnetz befassen –Handyakku ist leer… Hamburg hat echt merkwürdige Namen für einzelne Stationen gefunden, aber vielleicht sind Stationsnamen immer komisch, man hat sich nur an die in der Heimatstadt gewöhnt. Während Stationen wie „Fischbek“, „Landungsbrücken“ und „Überseequartier“ zumindest auf Hamburgs Rolle und Geschichte als Hafenstadt hindeuten, lässt sich anhand der Namen auch eine gewisse Faszination für das Wort „Horn“ erkennen, was irgendwie unsexy nach Hornhaut klingt. Hier gibt es: „Horneburg“, „Horner Rennbahn“, „Langenhorn Nord“ oder „Langenhorn Markt.“ „Horn“ ist auch ein Stadtteil von Hamburg, auch wenn fast keiner der Hamburger, die ich auf ihn anspreche, wissen, wo der eigentlich genau liegt. Danke Schienenersatzverkehr, du hast mir Zeit für diese wichtige Auseinandersetzung mit Hamburg verschafft.

Tag 23  #sommerinhamburg

… oder zumindest 8 Stunden Sonne am Stück bei 18 Grad. Da kann man: Draußen rumliegen, rumliegen und noch mehr rumliegen. Zum Bespiel auf der Wiese hinter dem Verlagsgebäude von Gruner und Jahr – einem riesigen Gebäudekomplex, der durch Elemente wie Bullaugen und Relinge den maritimen Charakter Hamburgs wiederspiegeln soll, wie Google mir erklärt. Da wäre ich jetzt selbst nicht draufgekommen, aber ok. Ich dachte, dass sich ein Architekt vor 100 Jahren so die Zukunft vorgestellt hat, wie in diesen älteren Filmen, die im Jahr 2020 spielen, bei denen man heute denkt „Nee, wir fliegen leider noch keine Raumschiffe, sondern fahren lieber wieder mehr Fahrrad“, aber über Geschmack lässt sich ja streiten. Und ich will mich an diesem Sommertag auch gar nicht beschweren. Heute gibt es wichtigere Dinge, wie Sonnencreme und Rumliegen.

Tag 27  #hamburgduimpressionist

Sonnenuntergänge sind natürlich immer nett, aber die Sonnenuntergänge am Hamburger Hafen sind etwas ganz Besonderes. Unzählige Kräne ragen aus dem Wasser hervor und die vorbeiziehenden Schiffe scheinen Geschichten aus fernen Ländern zu erzählen. Da kann man echt Fernweh bekommen. Die Sonne über dem Wasser taucht alles in schimmernde Perlmuttfarben, was mich sehr an dieses eine Bild von Claude Monet, „Impression soleil levant“, erinnert – eines meiner Lieblingsbilder von Monet.

Tag 30  #malehrlich

Der Blick auf den Hafen hat mich dann schließlich auch überzeugt: Ich könnte mir hier ewig Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge anschauen und dabei Franzbrötchen in Café Latte tunken. Ahoi Hamburg, dafür komme ich immer gern wieder!

 

Foto: Hamburger Hafen, aber Monet trifft‘s besser

Du magst vielleicht auch

3 Kommentare

  1. Ich dachte, Hamburg sei
    kühl und die Hamburger distanziert. Jetzt bin ich neugierig geworden und freue mich darauf, Hamburg näher kennenzulernen. Danke für den spannenden Text!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.