Hinter den Kulissen – eine merkwürdige Begegnung mit der Filmbranche

Einen Abend mit Leuten aus der Berliner Filmbranche – das mag zunächst spannend klingen. Für mich war es dagegen eher ernüchternd. Weil sich gängige Klischees bestätigen, Oberflächlichkeit keine Seltenheit ist und man rücksichtsloses Verhalten nicht nur in Hollywood, sondern auch in Berlin antrifft.

Stimmt das Klischee der sexistischen Filmbranche?

Vor ein paar Wochen traf ich mich mit einer guten Freundin in einer Bar in
Kreuzberg. Ich dachte, wir würden uns zu zweit treffen, fand aber eine größere
Gruppe von Leuten an ihrem Tisch vor, die sich alle schon länger zu kennen
schienen. Viele von ihnen arbeiteten, ihren Geschichten nach zu urteilen, in Berlin beim Film. Unter ihnen war auch ein Filmregisseur, von dem mir meine Freundin schon einmal erzählt hatte. Wir wechselten einige Worte, wobei er mir sofort sehr persönliche Fragen stellte. Ich hatte den Eindruck, als wollte er sich direkt weniger an oberflächlichen Themen aufhalten und wissen, was in mir vorgeht. Das irritierte mich ein wenig, aber ich dachte mir auch, dass das irgendwie zu meinem Bild passte, das ich von Regisseuren habe. Als er mich fragte, ob ich ihm sein Glas reichen könne, das direkt vor ihm stand, dachte ich, dass das ein Scherz sei. „Nö“, antwortete ich und fügte hinzu, dass er sich die Regieanweisungen für den Dreh aufsparen könne. Er und seine Leute lachten.

Am nächsten Tag schrieb er mir bei Facebook und fragte, was ich machen würde. Ich antwortete, dass ich in einem Café sitze und an einem Blogtext schriebe. Er antwortete, dass er gerade dasselbe täte und an einem Drehbuch arbeiten würde. Das klang interessant für mich. Ich dachte, dass das jemand sein könnte, mit dem ich mich in Zukunft mal über das Schreiben und über das Gestalten von Szenen unterhalten könnte. Auch für das Schauspielen habe ich mich immer interessiert und auch selbst ein paar Male vor der Kamera gestanden. Er fragte, ob ich Lust hätte, abends mit ihm und ein paar befreundeten Schauspielern etwas trinken zu gehen. Ich zögerte einen Moment, sagte dann aber zu.

Wir trafen uns am Mehringdamm und gingen dort in eine Karaoke-Bar. Unsere Gruppe bestand aus zwei jungen Schauspielerinnen und einem etwas älteren Filmproduzenten, dem Regisseur und mir. „Komm wir machen ein Foto“, sagte der Regisseur. Wir machten ein Foto und er sagte zum Filmproduzenten: „Ach wir müssen echt mal einen Film machen mit nur Frauen!“ Die Augen der jungen Schauspielerinnen leuchteten.

24/7 Castingshow

In der Karaoke-Bar begann der Abend lustig. Es war noch recht früh und so waren wir die ersten Gäste. Wir bestellten eine Runde Getränke und unterhielten uns in entspannter Stimmung. Eine der Schauspielerinnen erzählte mir, dass sie grade erst nach Berlin gekommen sei, um hier als Schauspielerin zu arbeiten. Sie war sehr sympathisch, 21 Jahre alt und sprach euphorisch von ihren ersten Erfahrungen als Schauspielerin. „Wobei“, fügte sie stirnrunzelnd hinzu, „einer meiner Freunde meinte auch, dass ich eine Nasen-OP brauche, wenn ich wirklich als Schauspielerin erfolgreich sein will.“ Der Regisseur schaute sich ihre Nase genauer an und sagt: „Blödsinn, hör nicht auf den.“

Nach anfänglichem Zögern betraten die Mädels dann die Bühne und sangen ein paar Songs. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, in einer Castingshow gelandet zu sein. Da saß ich bei den beiden Männern am Tisch und schaute den Mädels zu, unschlüssig, was genau ich hier eigentlich machte.

Kein Respekt vor klaren Ansagen

Dann fing der Regisseur an, mir zu sagen, wie toll er mich fände, dass ich so anders sei. Ich wusste nicht, ob das darauf bezogen war, dass er sonst vermutlich eher Zeit mit Schauspielerinnen verbrachte, aber sagte einfach nur „danke.“ Er wirkte etwas gekränkt und warf mir vor, dass ich kühl wäre, so distanziert. Ich merkte, dass er mir langsam zu persönlich wurde.

Also wies ich ihn darauf hin, dass ich in einer Beziehung bin, falls ich das zuvor nicht deutlich genug gesagt hätte. Darauf antwortete er, dass ich doch nicht glauben würde, dass ihn das abhalte. „Wenn ich will, kann ich dich haben“, sagte er mit einem Selbstverständnis, das mich stutzig machte. Dann wollte er mehr über meine Beziehung wissen. Es schien mir, als wollte er Schwachstellen finden, Dinge, um meine Beziehung abzuwerten: „Du vergeudest deine Zeit mit ihm, er liebt dich nicht wirklich“, urteilte er, „Wir passen so gut zusammen. Ich merke es doch.“ Ich wusste nicht, ob das alles ein Scherz sein sollte und antwortete: „Wir kennen uns doch erst seit gestern.“

Er erzählte mir, dass er nächste Woche zum Augenarzt müsse und Angst davor hätte. Ob ich mitkommen würde. Ich wusste nicht, ob das ein Geständnis von Schwäche sein sollte, oder das Ausnutzen meiner freundlichen Ader und wiederholte, dass wir uns doch erst seit gestern kennen.

Ich weiß nicht, ob es der Alkohol war oder die Einsicht, dass mit mir nichts anzufangen wäre, auf jeden Fall wurde seine Stimmung aggressiver. Er fing an, mich als verbittert zu beschimpfen. „Du bist mal sehr verletzt worden“, sagte er altklug – als würde er sich selbst erklären wollen, warum ich nicht auf ihn und seine Komplimente einging. Der Filmproduzent versuchte ihn zu beschwichtigen und sagte zu mir gewandt, er wisse auch nicht, was mit ihm los sei. So kenne er ihn gar nicht.

Menschen, die ein Publikum brauchen

Für einen kurzen Moment begann ich zu zweifeln, ob ich mich vielleicht irgendwie falsch verhalten hatte, ihn durch irgendetwas gereizt oder ihm Hoffnungen gemacht hatte. Dann schob ich die Zweifel weg und sagte: „Ich schätze, du bist es gewohnt, dich mit Frauen zu umgeben, die du behandeln kannst, wie du willst. Wahrscheinlich, weil sie insgeheim auf eine Rolle von dir hoffen. Aber mir ist das egal und ich finde dein Verhalten nicht in Ordnung.“

Er schien gekränkt und wertete meine Aussage als Unsinn ab. Dann sagte er mit dem Blick zu den Mädels am Tisch gewandt, dass das auch eher einfache Leute für ihn seien, aber es sei halt nett mit ihnen. Mit einem erklärenden Ton fuhr er fort, dass er dagegen überdurchschnittlich intelligent sei. Ich wusste nicht was ich dazu sagen sollte. Sollte das jetzt eine Rechtfertigung für sein Verhalten sein?

Ich begann mich zu fragen, warum ich überhaupt noch an diesem Tisch saß und entschied, zu gehen. Also sagte ich in die Runde, dass ich mich auf den Weg machen würde. Der Regisseur raunte frustriert und versperrte mir den Weg, meinte, ich müsse bleiben. Der Filmproduzent wies ihn an, mich rauszulassen. Er stand zögerlich auf und lies mich durch. Dann begleitete er mich zur Tür. Zum Abschied umarmte er mich und griff mir dabei an den Po. Ich war perplex und verließ ohne ein weiteres Wort die Bar.

Es hätte eh nichts geändert, wenn ich noch etwas gesagt hätte. Ich hatte bereits alles gesagt. Es würde nicht dazu führen, dass er sein Verhalten ändert. Und es würde vermutlich auch nicht bewirken, dass sich Leute von ihm abwendeten. Dafür schien er zu viel Hoffnung zu verkörpern.

Es geht vor allem um Macht

Auf dem Weg nach draußen dachte ich darüber nach, wie absurd der ganze Abend verlaufen war und vor allem wie absurd es scheinbar in der Filmbranche ablief, wenn das alles dazugehörte. Dabei habe ich in Berlin bereits mehrere Leute kennengelernt, die beim Film arbeiteten. Die emphatisch und hilfsbereit waren und sich nicht so rücksichtslos anderen Menschen gegenüber verhielten. Aber es gab scheinbar eben auch andere. So wie es auch Menschen wie Weinstein gibt und so viele, die sein Verhalten hingenommen und gedeckt haben. Weil in der Filmbranche anscheinend so ausgeprägte Machtdynamiken existieren, einzelne die berufliche Laufbahn vieler in der Hand haben.

Sicher findet man derartige Machtstrukturen auch in anderen Arbeitsfeldern, aber in wenigen Bereichen sind sie so undurchsichtig und unkontrollierbar, wie in der Filmbranche. So etwas wie ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) für die Filmbranche? Schwer vorstellbar.

Den Beleg dafür, dass die Absurdität seines Verhaltens keinerlei Spuren oder
Reflexion hinterlassen hatte, bekam ich dann am nächsten Morgen in Form einer Nachricht: „Und? Bist du wieder auf dem Damm? Wann gehen wir zum Augenarzt?“

Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst auf editionf.com
Foto: vicnt2815 – depositphotos.com

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