Ein Liebesmärchen in Teilzeit

Foto von: Anna Rafeeva

Phine liebt Malte. Für Malte ist Lieben kompliziert. Wenn Phine und Malte zu zweit sind, dann ist das wie im Märchen. Rosarot, phantastisch, ganz großes Kino. Bis die Realität anklopft und sagt: Das wird mir zu viel. Eigentlich heißt die Realität Malte, aber das weiß Phine nicht. Oder das Märchen ist einfach zu schön.

In ihren Lieblingsballerinas lief Phine durch die Skalitzer Straße, entlang der Gleise zum U-Bahnhof Schlesisches Tor. Ihre langen rötlich schimmernden Haare bewegten sich sanft im Wind, während sie sich eilig an den vielen Passanten vorbeischlängelte. Es war mild heute. Die hübsche Studentin nippte an ihrem Kaffeebecher auf dem sich bereits ein roter Kussmund abzeichnet. Noch etwa 15 Minuten. Ihre Augen leuchteten.

Wie oft hatte sie in der letzten Woche daran gedacht, ihn wieder zu sehen. Wie hatte sie ihn vermisst. Nicht die ganze Woche über. Als er sich am ersten Tag und auch am zweiten nicht gemeldet hatte, da hatte sie versuchte, es zu verdrängen. Eigentlich wollte sie ja selbst nichts Festes. Dann am dritten Tag kam die Wut. Seit Monaten ging dieses Hin und Her jetzt schon so. Wieder und wieder fiel sie darauf rein. Ließ sich treiben. Verlor sich in seinen Augen, um dann wieder gegen die Wand zu laufen, hinter der er sich nach jedem Treffen zurückzog. Dieses gefühllose Egoschwein. Dann Tag Sieben. Da war die Wut auf einmal verfolgen. So als wäre sie nie da gewesen. Und Phine hatte wieder Verständnis für ihn, seine Unnahbarkeit. Die war ja nicht böswillig. Er hatte ja selbst viel durchmachen müssen und er konnte ja auch anders. Aufmerksam und liebevoll konnte er sein. Was auch immer sich Goethe mit den „Leiden des jungen Werther“ gedacht hatte, Phine konnte es mit jeder Faser ihres Körpers nachempfinden. Und heute waren die Zeiger wieder auf Anfang gestellt.

Im „Café A Horn“ entdeckte sie Malte sofort. Er saß ganz hinten links, hinter den vielen Tischen. Das Karussell in ihrem Bauch hörte auf, sich zu drehen. Sie fühlte sich ruhig, während sie auf seinen Tisch zuging. Er stand auf, um sie in den Arm zu nehmen. „Ich hab dich vermisst“, hauchte er ihr sanft ins Ohr. Das kribbelte im ganzen Körper. Phine setzte sich zu ihm. Sie fühlte sich wie auf Wolken, wie in einem Traum. Er griff nach ihrer Hand und lächelte sie an, als gäbe es nur sie, Phine. Sonst nichts und niemanden. Sie lächelte zurück.

Dann redeten sie. Bestellten Kaffee, Kuchen und extra Sahne. Redeten und redeten. Bestellten noch mehr Kaffee. Malte erzählte von seinem Studium, von seiner Mutter, die ihr Alkoholproblem immer noch nicht im Griff hatte, von seiner Musik, in die er immer flüchten konnte. Er war einfach toll, dachte Phine. So, wie man sich einen waschechten Prinzen vorstellte: schön, tapfer, liebenswert.

Plötzlich klingelte ihr Handy und läutete die Realität ein. „Ah meine Schwester, die ruf ich gleich auf dem Weg zurück“, sagte Phine, „ist ihr Geburtstag heute. Ich muss mich auch gleich auf den Weg machen.“ Malte schaute sie enttäuscht an und griff wieder nach ihrer Hand: „Aber ich dachte, du kommst noch mit zu mir?“ Seine Prinzenaugen leuchteten sehnsüchtig. Phine war gerührt. „Oh, na dann komm doch einfach mit. Und dann können wir danach zu dir gehen“, antwortete sie freudig.

Malte löste seine Hand von ihrer. Sein Gesicht wirkte auf einmal merkwürdig versteinert. Phine spürte einen Stich in ihrem Bauch. In ihrem Kopf begann es zu rattern: Schwester besuchen gleich Familie kennenlernen gleich Beziehung – Ein Schritt über die Markierung, sie hatte das Monster geweckt.

„Ich kann nicht“, sagte Malte trocken. Und das war wenigstens die Wahrheit. Auch wenn er nicht wusste, warum. Nicht wusste, was dieses Monster war, das ihn immer wieder von Phine weg trieb. Nur fühlte, dass es Zeit war, zu gehen.

Er stand auf und Phine blieb allein am Tisch sitzen. Allein mit der Einsamkeit. Und wenn sie nicht gegangen ist, dann sitzt sie dort noch heute.

Foto:  Anna Rafeeva

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