Maya Angelou singt weiter

Am 15. Oktober, einen Tag vor der Frankfurter Buchmesse, stand ich lange zwischen den Büchern im Dussmann herum und konnte mich nicht entscheiden. Nah am Eingang waren die neusten Empfehlungen und Bestseller aufgestellt, ein Tisch für den Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić, einen für den Literaturnobelpreisträger Peter Handke (vielleicht bewusst nicht nebeneinander).

Eigentlich wollte ich „Catch and Kill“ von Ronan Farrow kaufen, das Buch sollte an diesem Tag in Deutschland erscheinen. „Das englische Original braucht noch ein paar Tage“, meinte eine Verkäuferin, die ich ansprach. Also schlenderte ich weiter (ich hatte mir das mit der englischen Version fest vorgenommen). Ich las alle möglichen Buchrücken von den Bestsellertischen und konnte mich doch nicht entscheiden. Bis ich ein paar Tische weiter das Buch „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ von Maya Angelou entdeckte, von der ich schon so viel gehört, aber noch nichts gelesen hatte.

Vielleicht kaufte ich grade ihr Buch, das im Original schon 1969 erschien, weil ich mich die letzten Wochen mit Kolonialismus beschäftigt habe und so zwangsläufig auch mit Rassismus. Wer kann Rassismus besser erklären als eine Frau, die ihn selbst erfahren hat? Eine Frau, die in den 30ern im rassengetrennten Süden der USA aufgewachsen ist, wo Schwarze Gerüchten zufolge nur am vierten Juli Vanilleeis kaufen durften (S. 60). Vielleicht entschied ich mich auch für das Buch, weil ich schon so viele tolle Zitate von Maya Angelou gelesen hatte, dass ich auf den ersten Blick überzeugt war, dass ihr Buch einfach gut sein muss (Spoiler: es ist nicht nur gut, es ist brillant! (Meine Meinung, aber da bin ich nicht allein mit)). Vielleicht kaufte ich es auch einfach deshalb, weil der Buchrücken mit derart viel Lob überhäuft ist (Obama und Oprah Winfrey lassen grüßen). Ich weiß es nicht genau.

Aber was ich nach dem Lesen des Buches zumindest verstanden habe, ist, dass wir Rassismus heute nicht ohne Auseinandersetzung mit seiner Geschichte verstehen können. Dass wir uns vor Augen führen müssen, wo Rassismus herkommt. Dass wir auch hinterfragen müssen, welches Verhältnis europäische Länder zu ehemals kolonialisierten Ländern hatten und heute haben. Und das umso mehr, je mehr Menschen den heutigen Rassismus als eine Art Luxusproblem herunterspielen, als eine überflüssige Laune unserer westlichen Demokratien. Denn die Frage ist doch: Haben sich Denken und Strukturen, unter denen Rassismus damals fälschlich legitimiert und begünstigt wurde, denn tatsächlich grundlegend verändert?

Maya Angleous hat in „Ich weiß warum der gefangene Vogel singt“ ihre eigene Geschichte erzählt, Erlebnisse aus ihrer frühen Kindheit bis zu ihrem 17. Lebensjahr. Sie erzählt von ihrer Großmutter, bei der sie im Krämerladen am Rand einer Baumwollplantage aufwächst, nachdem sie im Alter von drei Jahren mit ihrem vierjährigen Bruder Bailey alleine aus Long Beach (Kalifornien) nach Stamps (Arkansas) zu ihrer Großmutter Mrs Annie Henderson geschickt wurde. Sie erzählt, wie sie im Krämerladen mitgeholfen hat, wie sie dort gelesen, gespielt und genascht hat und gleichzeitig auch von der Rassendiskriminierung, mit der sie, ihre Familie und Freunde dort konfrontiert wurden. Sie erzählt von ihrer Rückkehr nach St. Louis zu ihrer Mutter, an die sie sich nicht mehr erinnern kann und die sie sofort für die schönste Frau überhaupt hält. Sie erzählt von einer Gewalttat, die sie im Alter von nur sieben Jahren erlebt und die von außen schwer zu ertragen, schwer zu lesen, unmöglich zu begreifen ist. Sie erzählt von ihrem anschließenden Schweigen, das über fünf Jahre anhielt. Bis sie eine Frau trifft, Mrs Flowers, die ihr vorliest, ihr in diesem Moment ihre Stimme gibt, wodurch sie ihre Stimme wiederfindet. Sie erzählt an vielen Stellen von der extremen Ungerechtigkeit, dass eine weiße Gesellschaftsschicht allein wegen ihrer Hautfarbe nicht nur andere Privilegien genießt, sondern sich auch im sozialen Umgang selbstverständlich als höherwertig begreift, anders angesprochen wird, unter besseren Bedingungen lebt, während ein anderer Teil der Gesellschaft systematisch in vielen Bereichen und von Aufstiegsmöglichkeiten ausgeschlossen wird. Sie erzählt, wie sie trotz dieser Umstände nicht aufgibt und man ihr schließlich als erste schwarze Straßenbahnschaffnerin San Francicos einen Job gibt.

Und auch wenn das aus der heutigen Zeit und mit einer viel priveligierteren Sichtweise weit entfernt scheint, so gelingt es Maya Angelou auf 321 Seiten doch, durch ihre bildhafte Sprache, durch ihre Beobachtungs- und Reflexionsgabe, ihre Emotionalität und die Wahl der Ich-Perspektive, dass ihre Geschichte unheimich nahbar wirkt.

Sie erzählt in diesem Buch so vieles, was mir wichtig erscheint, dass ich es nur schwer in einen kurzen Text zusammenfassen kann. Und weil sie es sowieso am besten weiß und schreibt, hier eine (völlig subjektive) Zusammenstellung meiner Lieblingszitate aus dem Buch:

 

Wie Maya Angelou zu ihrem Vorname kam:
„Als Bailey begriffen hatte, dass ich seine Schwester war, weigerte er sich mich Marguerite zu nennen, und rief mich Mya Sister. Später, als er sich besser ausdrücken konnte und ein Bedürfnis nach kurzen Worten hatte, sagte er nur noch My. Daraus wurde dann Maya.“ (S. 82)

Über Mrs Flowers:
„Den Zauber dieses einfachen Geschenks habe ich später, in vielen Jahren intellektueller Erfahrung, oft vergeblich gesucht. In der Erinnerung tritt der Inhalt der Gabe zurück, aber die Aura der Handlung bleibt haften. Eine solche Erlaubnis, ja Einladung, an der Subjektivität von Fremden, an ihren Freuden und Ängsten teilzuhaben, war eine Gelegenheit, den bitteren Wermut des Südens gegen einen Schale Met mit Beowulf oder einen heiße Tasse Tee und Milch mit Oliver Twist zu tauschen. Als ich laut sagte: ‚Es ist eine viel, viel bessere Tat, als ich sie je getan habe …‘, füllten sich meine Augen vor lauter Selbstlosigkeit mit Freudentränen.“ (S. 119)

Über die Frage: Wo kommst du her?
„Unter schwarzen Amerikanern gibt es ein Sprichwort, das Mommas Haltung umschreibt: ‚Wenn du einen Schwarzen fragst, wo er herkommt, sagt er dir, wo er hingeht.‘ Um diesen Satz zu verstehen, muss man wissen wer diese Taktik anwendet und wie sie wirkt. Eine unaufmerksame Person wird mit einer Halbwahrheit zufrieden sein, eine aufmerksame wird spüren, dass sie die genaue Antwort nicht bekommen kann, weil die Angelegenheit zu privat ist. So wird niemand vor den Kopf gestoßen, es wird nicht gelogen, und nichts wird ausgeplaudert.“ (S. 220)

Über die Verschwendung:
„Ich konnte nicht verstehen, woher die Weißen das Recht nahmen, ihr Geld so verschwenderisch auszugeben. (…) Wir hatten Land und Häuser, aber Bailey und ich wurden täglich ermahnt: ‚Verschwendet nichts! Seid bescheiden‘“ (S. 60-61)

Über abgrundtiefe Unehrlichkeit:
„Um abgrundtief unehrlich zu sein, muss man zwei Eigenschaften haben: skrupellosen Ehrgeiz oder ungebrochene Egozentrik. Man muss glauben, dass man alle Menschen und Dinge zu Recht den eigenen Zwecken unterordnet, dass man nicht nur der Mittelpunkt der eigenen Welt, sonder auch der der anderen ist. Das konnte ich nicht (…).“ (S. 317)

Über die Kraft der Verbündung:
„Bis zu diesem Zeitpunkt hatten mich in meinem Leben seltsame Verbündete begleitet: Momma mit ihrem feierlichen Schicksalsglauben, Mrs Flowers mit ihren Büchern, Bailey mit seiner Liebe, Mutter mit ihrer Fröhlichkeit, Miss Kirwin mit ihrem Wissen und meine Abendkursleher mit Drama und Tanz.“ (S. 245)

Über die schwarze Frau:
„In ihren zarten Jahren wird die schwarze Frau von allen Kräften der Natur heimgesucht. Sie gerät in ein dreifaches Kreuzfeuer von Vorurteilen: des unlogischen weißen Hasses, der schwarzen Ohnmacht und des männlichen Chauvinismus. Mit Erstaunen, Widerwillen, ja sogar Feindseligkeit wird zur Kenntnis genommen, dass eine erwachsene schwarze Frau einen ausgeglichenen Charakter hat. Selten wird erkannt, dass dies ein Ergebnis schwerer innerer Kämpfe ist. Sie verdient Achtung, wenn nicht begeisterten Applaus.“ (S. 305)

 

Quelle: Maya Angelou (2018): Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt, aus dem amerikanischen Englisch von Harry Oberländer, Suhrkamp Verlag, Berlin.

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